Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Soziale Lage / Sozialpolitik Dortmund speziell Soziale Entwicklung Neue Armut stellt Dortmund vor Zerreißprobe

Neue Armut stellt Dortmund vor Zerreißprobe

"Sozialstrukturatlas" heißt das epochale Werk. 259 Seiten mit Zahlen, Statistiken, Tabellen und Diagrammen. Was drin steht: Dass die soziale Entwicklung in Dortmund gefährlich auseinander driftet. Arme Stadtteile werden immer ärmer, die wohlhabenden immer älter. So alarmierend sind die Zahlen, dass der Atlas im Rathaus zurzeit noch unter Verschluss gehalten wird. Der WR-Redaktion liegt er vor.

 Es war schon auffällig: Nicht die zweifellos bemerkenswerten Erfolge der Stadt im Strukturwandelprozess stellte OB Dr. Gerhard Langemeyer vergangenen Donnerstag ins Zentrum seiner Haushaltsrede. Vielmehr widmete er exakt die Hälfte seines neunseitigen Redemanuskriptes den sozialen Problemen. Überschrift: "Wir müssen sprechen über Armut, Bildung und Arbeit!" - Eine Einsicht, die nicht zuletzt aus der Lektüre des Sozialstrukturatlas´ resultieren dürfte.

"An einigen Stellen haben wir geschluckt"

"Diese Vermutung ist absolut korrekt", bestätigt Sozialdezernent Siegfried Pogadl. Der Bericht, eine wissenschaft- liche Fleißarbeit des Zentrums für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung der Ruhr-Uni Bochum, habe im Verwaltungsvorstand "Bauchgrummeln verursacht". An der einen oder anderen Stelle "haben wir kräftig geschluckt".

Nach den Herbstferien liegt dann auch die Bewertung der Zahlen vor - als "Bericht zur sozialen Lage" der Stadt. "Der wird nochmal so dick", droht Pogadl an. Für die politische Debatte alles in allem 500 Seiten Papier. Schwer verdaulich und extrem detailliert.

Denn die Untersuchung der Bochumer Experten dröselt Entwicklungen in der Stadtgesellschaft auf Basis des aktuellsten verfügbaren Zahlenmaterials (Stand: 31. 12. 2005) nicht nur nach den zwölf Bezirken auf. Sie hat diese noch einmal in 39 so genannte "Sozialräume" unterteilt. Kleinteiligere Ergebnisse hat es für Dortmund noch nie gegeben.

Das Fazit ist wenig erfreulich: "Arm und Reich, Familien mit und ohne Kinder bewegen sich auseinander und leben zunehmend sozialräumlich polarisiert", heißt es dort unter Berufung auf ein Gutachten für die Landtags-Kommission "Zukunft der Städte in NRW".

Ein immer größerer Teil der Kinder und Jugendlichen lebe in benachteiligten Vierteln: Hafen, Nordmarkt, Borsigplatz, Dorstfelder Brücke, Scharnhorst-Ost, Eving-Ost/Kemminghausen. Soziale, ethnische und demographische Aspekte addieren sich dort zu massiven Problemräumen. "In Stadtteilen, wo heute die meisten ´Ausländer´ leben, leben auch die meisten ´armen´ Inländer", heißt es. Und die wohlhabenden Ortsteile wie Syburg, Höchsten Holzen, Kirchhörde, Lücklemberg, Löttringhausen, aber auch die südliche Gartenstadt, Asseln und Aplerbeck sterben buchstäblich aus. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt rasant, die Geburtenrate sinkt dramatisch.

Sozialdezernent Siegfried Pogadl hat seine Schlüsse schon gezogen: "Wir müssen dringend Aktionspläne aufstellen", sagt er - und stützt die klare Ansage von OB Langemeyer, gerade im Kampf gegen die Kinderarmut aktiv zu werden.

Dortmunds Sorgen-Quartieren droht die Gettoisierung

Der Lebensstandard in Dortmund klafft von Ortsteil zu Ortsteil auseinander. Bisweilen trennen die Wohnquartiere ganze Galaxien. Indikator schlechthin ist der Einkommensindex.

Der Wert 100 steht für den Dortmunder Durchschnittsverdienst. Die Steuerpflichtigen rund um den Borsigplatz liegen bei 49, an Nordmarkt und Hafen bei 58 bzw. 60. In Scharnhorst-Ost bei 69. Das andere Extrem: Höchsten/Holzen/Syburg mit 163 und Kirchhörde/Löttringhausen/Lücklemberg mit 193 - das drei bis vierfache Niveau!

Auch die Viertel Dorstfelder Brücke (zwischen City und Dorstfeld) und Eving-Ost/Kemminghausen liegen weit unter dem Schnitt; die südliche Gartenstadt/Ruhrallee/Westfalendamm, Aplerbeck, Menglinghausen und Berghofen klar darüber.

Der Norden geht zur Hauptschule, der Süden macht Abi

Weitere Ergebnisse der Studie der Ruhr-Uni Bochum, die im "Sozialstrukturatlas Dortmund" dargestellt sind und im Rathaus für gehörig Unruhe gesorgt haben.

Bildung: Das Nord-Süd-Gefälle in Dortmund ist eklatant. Während in Bodelschwingh, Nette und Dorstfelder Brücke fast jeder fünfte Grundschüler zur Hauptschule wechselt, sind es in vielen Sozialräumen südlich der B1 nur um 5 %. Auch die Anmeldequote zur Gesamtschule liegt in allen nördlichen Quartieren weit über dem Schnitt (28,5 %) - im Süden hingegen gibt es überproportional viele Gymnasiasten. Von den nördlichen Ortsteilen kann da nur Brechten/Holthausen mithalten.

Hilfen zur Erziehung: Rund um den Borsigplatz nehmen 53,5 von 1000 unter 21-Jährigen Hilfen zur Erziehung in Anspruch, gefolgt von Hafen (45,2) und Marten (37,5). Das Gros der südlichen Ortsteile liegt um 10 Promille.

Sozialdaten: Die Innenstadt-Nord mit den Vierteln Nordmarkt, Borsigplatz und Hafen, dazu Scharnhorst-Ost, Dorstfelder Brücke und der Evinger Osten mit Kemminghausen: Das sind die Sorgenkinder unter den Dortmunder Sozialräumen.

Scharnhorst-Ost: Jeder dritte Nicht-Deutsche hat keinen Job

Ihre Kennzahlen: Ein Migrantenanteil zwischen 47 und 62 Prozent. Die Quote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gerade einmal zwischen 29 und 39 %. Die Arbeitslosenquote bei 21 bis 25 %; in Scharnhorst-Ost bei den Nicht-Deutschen sogar 33,8 %, in Hörde 26,5 %. Zwischen 30 und 40 % Alg II-Empfänger. Ein 73 %-Anteil von Sozialwohnungen in Scharnhorst-Ost.

Doch nicht allein die aktuellen Zahlen sind das Problem. Was die Verantwortlichen im Rathaus insbesondere aufgescheucht hat: Sämtliche Kennziffern haben sich im Vergleichszeitraum seit 2000 massiv verschlechtert.

 

Brechten stirbt

  • Die einzigen Viertel, in denen signifikant mehr Geburten als Todesfälle gezählt werden, sind zugleich jene mit den größten sozialen Problemen: Borsigplatz, Hafen und Nordmarkt.
  • Am negativsten ist das Verhältnis Geburten- zu Sterberate in der City, in Barop/Brünninghausen/Hombruch und in Brackel.
  • Wambel, Schüren und Menglinghausen haben von 2000 bis 2005 den größten Bevölkerungszuwachs -gerade bei den unter 18-Jährigen.
  • In Brechten/Holthausen, Höchsten/Holzen/Syburg und Scharnhorst-Ost hingegen ist der Anteil der über 65-Jährigen um gut ein Viertel explodiert.

Gewinner und Verlierer

  • Unter Berücksichtigung von Positiv- und Negativfaktoren kristallieren sich zahlreiche Wohnquartiere als Gewinner, andere als Verlierer heraus.
  • Die Aushängeschilder: Höchsten/Holzen/Syburg und Kirchhörde/Lücklemberg/Löttringhausen - allerdings alle mit der Einschränkung einer deutlichen Überalterung.
  • Weitere Gewinner: Südl. Gartenstadt/Ruhrallee/Westfalendamm/Westfalenhalle, Asseln, Brackel, Aplerbeck, Berghofen, Schüren, Hacheney/Benning-/ Welling-/Wichlinghofen, Barop/Brünninghausen/Hombruch, Menglinghausen,
  • Die Sorgenkinder: Nordmarkt, Borsigplatz, Hafen, Scharnhorst-Ost, Dorstfelder Brücke, Eving-Ost/Kemminghausen.
  • Weitere Verlierer: Hörde und Marten.
  • Der Rest: Durchschnitt. Typisch Durschnitt ist der Bereich Derne/Hostedde/Kirchderne/Grevel.
  •  

    Quelle: Westfälische Rundschau vom 17.09.07

    Artikelaktionen